© Michaela Ebner | 2021
Aus dem Leben,  Nähen

Ran an die Nähmaschine

Es gibt doch in jeder Stadt einen kleinen Stoff- bzw. Handarbeitsladen, oder? Auch bei uns gibt es diesen. Sobald ich dort reinmarschiere, vergesse bzw. verdränge ich meine ursprüngliche Einkaufsliste. Auch die neuen Stoffe entdecke ich sofort und es ist natürlich immer etwas dabei. Mittlerweile nehme ich mein Töchterlein zu dieser Einkaufstour nicht mehr mit. Reine Vorsichtsmaßnahme für meine Brieftasche, denn auch sie bekommt große Augen bei der Auswahl.

„Mama, den Stoff müssen wir noch als „Reserbie“ kaufen!“ Erschreckend stelle ich fest, dass ich sie mit meinem Schöne-Dinge-Wahn schon angesteckt habe.

Zuhause angekommen, werden die Stoffe einmal weggeräumt. Es dauert aber nicht lange, bis es mir in den Fingern zu kribbeln beginnt. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber ich habe beim Handarbeiten (Nähen, Häkeln, Basteln) einen inneren Drang, immer alles gleich auszuprobieren bzw. verarbeiten zu müssen – egal zu welcher Uhrzeit. Es kann schon einmal vorkommen, dass mir um 22.00 Uhr noch einfällt, noch schnell etwas  zu nähen.

Vor dem Lockdown war ich noch optimistisch, dass mein Töchterlein zum Kinderturnen kann – natürlich mit passendem Equipment.

Irgendwie irre, aber es ist auch wie eine Therapie. Beim Handarbeiten vergesse ich alles um mich herum. Stunden können vergehen, wie in Trance häkle ich vor mich hin oder nähe ein Kleidungsstück nach dem anderen. Komplett müde, aber zufrieden geht es dann ins Bett. Mein Ordnungssinn, Planen und immer alles im Überblick behalten müssen können manchmal sehr anstrengend sein – für mich und andere. Die Erkenntnis kommt immer wieder: So ticke ich halt.

Ruhe geben, sein lassen und einfach nichts tun, gehören einfach nicht zu meinen Stärken. Aber ich arbeite daran…

„Mama, was gehört jetzt mir?“, sagt mein Töchterchen am nächsten Morgen und begutachtet meine Kreationen.

Partnerlook für Groß und Klein.

Meistens bleiben noch ein paar Stoffreste übrig und die Puppe meiner Tochter bekommt auch ein Outfit. Das Strahlen in den Augen meines Zwergleins über den Partnerlook ist dann natürlich riesig.

Gottseidank ist diese Sucht zu nähen bzw. häkeln nur im Winter so ausgeprägt. Sobald das Unkraut wieder wächst und es im Garten wieder zu blühen beginnt, verschieben sich meine Prioritäten dann gottseidank ein bisschen nach draußen.